Donnerstag, 24. November 2011 - 15 Uhr – Nebel im Tal, letzte Sonnenstrahlen im Skigebiet am Götschen bei Bischofswiesen. Zahlreiche Wintersportler sitzen noch in der Seilbahn auf dem Weg nach oben. Plötzlich ein Ruck – die Sesselbahn steht. Ein Gleitschirmflieger verheddert sich mit seinem Sportgerät in der Seilbahn am Götschen . Großalarm für die Einsatzkräfte von Bergwacht und Polizei – zum Glück nur eine Übung für die Gäste und Teilnehmer im Rahmen des Symposiums “ Alpine Sicherheit 2011“ in Bad Reichenhall.
Das "Symposium Alpine Sicherheit" ist eine gemeinsame Veranstaltung der Stadt Bad Reichenhall, der Gebirgsjägerbrigade 23 mit Sitz in Bad Reichenhall, der Bergwacht Bad Reichenhall und dem Fortbildungsinstitut der Bayerischen Polizei in Ainring, unter Beteiligung des Amtsgerichts Laufen.
Ziel des Symposiums ist es insbesondere, die maßgeblichen Experten aus Bundeswehr, Polizei, Justiz, Bergwacht, Bergführern und Alpinsachverständigen überregional und auch international zusammenzubringen.
Nach der Begrüßung der Teilnehmer durch den Kommandeur der Gebirgsjägerbrigade 23, Brigadegereral Johann Langenegger und Bad Reichenhalls Oberbürgermeister Dr. Herbert Lackner ging es gleich zum ersten Programmpunkt: Skitourengeher auf Skipisten. Über die Skipiste bahnen sie sich ihren Weg nach oben – und damit liegen sie voll im Trend.
Immer mehr Wintersportler tauschen ihre Alpin- gegen Skitourenski – Tendenz steigend. Die Industrie freut es, allerdings ist diese Art von Aufstieg an Skipisten den Lift- und Seilbahnbetreibern ein Dorn im Auge. Laut Peter Huber, dem Vorstand des VDS (Verband Deutscher Seilbahnen und Schlepplifte), fürchten sie um die Sicherheit auf ihren Skipisten und fordern einen rechtlichen Grundsatzbeschluss für Pistensperrungen. Argument der Gegenseite: eine Piste ist freies Gelände und somit jedem zugänglich. Bei geschätzten 250.000 Tourengehern südlich von München ein brisantes Thema, welches bestimmt noch für manche Diskussionen führen wird. Als ersten Ansatzpunkt gibt es nun eine Empfehlung in Zusammenarbeit von VDS und Deutschem Alpenverein.
Im Anschluss stellte Klaus Opperer von der Bergwacht Bayern im Saal des Alten Kurhauses von Bad Reichenhall das Konzept „Seilbahnevakuierung“ vor. Mit Bussen ging es dann Richtung Skigebiet Götschen (auch hier liegt nach wie vor kein Schnee – und das Ende November …) – dort wurde von Mitgliedern der Bergwacht-Bereitschaft Bad Reichenhall und Alpin-Beamten der Polizei Bayern dieses Konzept live vorgeführt.
Durch einen Gleitschirmpiloten, der sich in den Tragseilen der Sesselbahn verfangen hatte, kam es zu einem Stillstand der Bahn. Zahlreiche Gäste sitzen nun bei Minusgraden fest. Der Seilbahnbetreiber meldet der Integrierten Leitstelle Traunstein diesen Notfall – Bergwacht und Polizei werden alarmiert. Der Einsatzleiter der Bergwacht erhält vom Disponenten in der ILS eine erste Lage. Sofort lässt er die Mannschaft der Bergwachtbereitschaften Bad Reichenhall und Anger-Teisendorf alarmieren.Als die ersten Einsatzkräfte ankommen, wird das ganze Ausmaß sichtbar – im Ernstfall, so Einsatzleiter Markus Goebel, würden bei so einem Szenario alle Bergwachtbereitschaften des Chiemgaus zur Evakuierung nachalarmiert. Auf der Piste, so der erste Überblick des Einsatzleiters, liegt eine schwerverletze Person – allerdings nicht, wie zuerst angenommen, der Gleitschirmpilot, sondern eine in Panik geratene Person, die aus dem Sessel gesprungen ist. Der Gleitschirmflieger ist verschwunden und nicht auffindbar – daher wird ein Suchhund der Polizei angefordert. Die für die Unfall-Aufnahme alarmierten Alpin-Polizisten helfen auch bei der Evakuierung der festsitzenden Personen aus der Sesselbahn. Nach rund einer Stunde ist die Vorführung beendet – nach Rückfahrt ins Alte Kurhaus und einer kurzen Kaffeepause ging es mit dem zweiten Teil des Symposiums weiter: die Themen lauteten „Risiko und Risikomanagement“ und „Risiko, warum nicht? – Recht auf Risiko?“.
Einer der Referenten, Dr. Klaus (Nik) Burger, ist 1. Vorsitzender des Deutschen Gutachterkreises für Alpinunfälle und stv. Direktor des Amtsgerichts Laufen. Als aktiver Bergretter, Ausbilder, Einsatz- und Bereitschaftsleiter der Bergwachtbereitschaft Bad Reichenhall ist er ständig mit Fragen von Risiko, Eigenverantwortung und Sorgfaltspflichten befasst. Anhand von Beispielen aus den letzten Jahren (z. B. der Freispruch Dezember 2009 im Verfahren vom Zugspitzlauf 2008, Absturz eines Kletterers im Jahre 2005 im Hochköniggebiet) brachte er auf seine oft humorvoll-hintergründige Art das letztgenannte Thema verständlich an die Zuhörer. Hier sei nur sein Vergleich von Bergtoten und Tote durch Treppenstürze in Deutschland genannt: 30 Bergtoten stehen rund 1.200 Tote durch Treppenstürze (über 910.000 erfasste Unfälle) gegenüber – und ein „Treppen-Handlauf-Symposium“ hat es nach seiner Kenntnis noch nicht gegeben…
Eindrücke vom Symposium im Alten Kurhaus Bad Reichenhall und von der Vorführung am Götschen: